Wat is?! „Münchner Rassengesetze!“

Ich kauf‘ mir lieber einen Tirolerhut,
der steht mir so gut,
der steht mir so gut.
Dann mach‘ ich sonntagabend Blasmusik,
immer nur dasselbe Stück.

So tönt es aus den Lautsprechern, als ich die Kneipe betrete.

„Die Bayern machen dat richtig!“ Manni umarmt einen bärtigen Kerl, den ich für eine Schrankwand halten würde, wenn wir bei IKEA wären. Groß, bärtig und ein Kreuz wie Jesus. Verzeihung, ich bin heute blasphemisch. Es ist Gründonnerstag und der Vergleich drängt sich einfach auf.

Überhaupt ist das ein Musterbeispiel deutscher Kultur: Tanz und Live-Musik sind heute Abend ab 18 Uhr verboten. Öffentliche Fröhlichkeit wird erst wieder ab Samstag, 6 Uhr morgens toleriert. Aber in einer Kneipe zu Schlagern saufen ist total in Ordnung. Gut, dafür muss man ja auch nicht fröhlich sein. Das Gegenteil ist der Fall.

Während ich mich gerade von „Zwei kleine Italiener“ beschallen lasse, tätschelt Manni weiter den Bären neben ihm. Ich will gerade spekulieren, dass Manni das Ufer gewechselt hat und seine Uschi deswegen beglückwünschen, als er mich aufklärt.

„Dat ist der Jupp, mein Kuseng aus Bayern! Der hat mir gerade erzählt, wie dat da neuerdings mit den Asylanten läuft!“

Jupp reicht mir seine Pranke. „Sepp wär mia lieba, aba du waißt ja, wie main Vetter so ist!“

Nur zu gut, denke ich und schlage ein.

„Sagt mal, Jungs, wir müssen uns jetzt einigen“, sage ich. „Reden wir hier ruhrpöttisch, bayrisch oder deutsch? Cousin, Kuseng oder Vetter? Jupp, Sepp oder Joseph?“

„Na, is‘ schon guat“, winkt Jupp ab. „I vasteh euch schon!“

Ich verkneife mir den Hinweis, dass ich mir andersrum viel mehr Sorgen mache und bestelle stattdessen ein Herrengedeck.

„Na, von Biar habt’s ja koine Ahnung, iah Preißn!“, sagt Jupp und bestellt ein Weizen mit Bärwurz. Jeder wie er mag.

„Also“, insistiert Manni, „der Jupp hat mir vom Bayrischen Einwanderungsgesetz erzählt! Ich hab dat sogar hier!“ Manni winkt mit einem Stapel Papiere. „Da kannst du Gutmensch mir nicht mehr mit Fakten kommen. Ich habs extra ausgedruckt!“

Ich schau auf einen kleinen Stapel Papier, den Manni auf die Theke knallt. „Ja nee, is klar“, sag ich noch und nippe am Korn. „Was ist daran jetzt so toll?“

„Na“, sagt Manni, „in Bayern fordern sie jetzt, dass man sich zu unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennt!“

„Was ist jetzt anders als im Rest der Republik?“, frag ich ganz unschuldig und entscheide spontan, dass man so einen Korn doch in einem Stück kippen kann, selbst wenn es weh tut.

„Na, beim Jupp wird dat jetzt richtig durchgesetzt, wah Jupp?“ Wir prosten uns zu.

„Find ich gut! Demokratie ist immer klasse“, sag ich und nippe am Pils. Ich bestell noch ein Herrengedeck. „Zeig mir doch mal das Gesetz!“

Ich blättere so ein bisschen durch und versuche dabei gelangweilt auszusehen. Innerlich kocht es.

„Siehste, endlich nimmt mal einer die deutsche Bevölkerung ernst!“

Ich kipp erstmal einen Korn. Und bestell den dritten. Den kipp ich auch, bevor ich wat sag.

Die Musik im Hintergrund wechselt zu „Schwarzbraun ist die Haselnuss“.

„Manni, haste dat mal gelesen?“ „Nee, dat hat der Jupp mir aber alles erzählt! Ist total geil! Das brauchen wir in ganz Deutschland!“

Ich atme tief durch. „Manni“, sag ich, „dieses Münchner Rassengesetz ist einfach nur ekelhaft!“

„Da kommste wieder mit der Nazikeule, war ja klar!“

Jetzt geh ausnahmsweise mal ich eine Rauchen. Und ich bin Nichtraucher, verdammt. Ich muss erstmal zwei Minuten rumschnorren, um so eine blöde Kippe zu kriegen. Eine weitere brauche ich fürs Feuer. Schmeckt außerdem scheiße. Aber darum geht’s gar nicht. Ich brauche vor allem frische Luft und Internetempfang. Ich google: „Nürnberger Rassengesetze“, lese mich ein, atme drölfmal tief durch und gehe wieder rein. Ich bestell direkt zwei doppelte Whiskys und zwei Herrengedecke. Das kann man sich nicht schön saufen, man kann nur versuchen es zu vergessen. Manni schaut mich ob meiner Bestellung blöde an.

„Gibste einen aus oder wat?“ „Dat is nur für mich, du Gesichtskirmes“ Mit diesen Worten kippe ich den ersten Korn und rezitiere lautstark:

„Personen mit einem jüdischen Großeltern-Teil wurden als „Mischling zweiten Grades“ eingestuft.“

Manni und Jupp schauen mich doof an.

„Nürnberger Rassegesetze. Jetzt zieh dir das bayrische Gesetz rein: Das Gesetz gilt für jeden, der ein Großelternteil hat, das als Migrant gilt. Artikel zwei sagt das wörtlich und genauso. Die Regelungen der Nazis bezüglich Juden weicht kaum von der Regelung der Bayern bezüglich Immigranten ab. Wir reden hier davon, dass man egal, wie man integriert ist und wie lange die Familie hier lebt, ein Großelternteil mit fremden Wurzeln die deutsche Staatsbürgerschaft aushebelt.“

Die beiden schauen mich an. Ich sehe Erkenntnis dimmern. „Dann gilt doas ja nicht nuar für Asylanten!“ „Genau! Es hält sich sogar beinahe wörtlich an die verdammten Nürnberger Rassengesetze!“

Manni stiert in sein Glas. „Ist doch trotzdem richtig! Wer hier nicht hinpasst, wird raus geworfen!“

Ich schau ihn eine Weile an. Dann trink ich den zweiten Korn und trink ein Bier auf ex.

„Also findest du, dass man mich ausweisen sollte?“ „Wat? Wieso denn dich?“

„Na, schau: Mein Opa mütterlicherseits hat 1956 aus dem Schlesischen herübergemacht. Ich falle also in Bayern ins Integrationsgesetz. Ein Großelternteil ist per Gesetz Einwanderer. Dass mein Opa die deutsche Staatsbürgerschaft hatte, spielt da gar keine Rolle. Noch schlimmer: Die Familie von Vaterseite ist seit 1911 hier. Das ist dem Gesetz nach total egal. Der Opa aus Schlesien reicht, um mich in Bayern als Immigrant durchgehen zu lassen.“ „Du bist doch nicht gemeint. Dat ist doch albern! Dat soll dich doch gar nicht treffen!“ „Bist du dir da sicher? Die könnten mich diesem Gesetz nach zu einem Deutschkurs zwingen. Und mir eine Strafe aufdrücken, wenn ich das verweigere.“ „Du bist doch Schriftsteller! Und Deutscher!“ „Dem Gesetz nach bin ich kein richtiger Deutscher. Und meine Mutter auch nicht. Da kann ich auch tausend Bücher schreiben. Ein einziger Vorfahre aus Schlesien macht mich nach diesem Gesetz zum Immigranten.“

Jupp schaltet sich ein. „Also, gegen dich ham wir ja moal goar nix! Doa biast nuar g’meint, wenn dua diach daneben benimmst!“

Ich wäre fast erleichtert, wäre da nicht…

„Artikel 3, Punkt 7! Migrationsbedingte Erwägungen können im Rahmen von Ermessensentscheidungen berücksichtigt werden! Das eröffnet Spielraum. Ich sage euch, dass ich regelmäßig gegen die deutsche Leitkultur im Sinne dieses Gesetzes verstoße! Ihr übrigens auch!“

Die Jungs sehen mich groß an.

„Wie jetzt? Hiar verstößt doch koaner gegen uns’re Loitkultur!“ „Ach nee?“, frag ich und greif mir ein Blatt aus dem Gesetzesentwurf.

„Wer durch demonstrative Regelverstöße, Verunglimpfen oder sonst durch nach außen gerichtetes Verhalten beharrlich zum Ausdruck bringt, dass er die freiheitliche demokratische Grundordnung ablehnt, kann durch die Sicherheitsbehörden verpflichtet werden, sich einem Grundkurs über die Werte der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zu unterziehen“

„Jupp, du bist nicht angepasst!“ „Wie moanste das denn?“ „Was trinkst du da?“ „A Woiz’n!“ „Genau. Hier ist aber Pils en voque!“ Ich zeige demonstrativ auf die Theke. Pils und Korn, sonst siehst du hier nichts. Ah, nebenbei: Ich hab ja auch noch eins. Das trink ich direkt mal aus. Danach nippe ich am Whisky.

„Siehst du hier auch nur einen, der Weizen trinkt?“ „Woas hat doas denn mit dem Gesetz zu tun?“ „Du sitzt hier und trinkst demonstrativ dein Weizen und deinen Bärwurz. Um dich von uns ,Preißn‘ abzusetzen. Hast du selbst gesagt. Und dann stellst du diese Frage? Das ist ein Regelverstoß! Und überhaupt…ich versteh kaum die Hälfte deines Gebrabbels! Ich brauche einen Dolmetscher und den zahlst du!“

„Warum denn doas? I red do‘ doitsch!“ „Was hast du gesagt? Verzeihung. Ich versteh kein Wort. Überhaupt… wie heißt du mit Nachnamen?“ „Woas tuat den doas zur Soach’n?“ „Na, zur Feststellung, ob du besondere Integration brauchst. Manni ist dein ,Kuseng‘. Manni heißt mit Nachnamen Koslowski. Und du sprichst kein Hochdeutsch. Ich vermute also, dass du ein Migrant bist. Hast du dich je testen lassen, ob du den GER A2 erfüllst?“ „Den woas?“ „Dachte ich es mir. Also, sind deine Großeltern Deutsche?“ „Jaa, aober natüarlich, I…“ „Kannst du das beweisen?“ „Noah, die hoaben oalle an doitschen Pass..“ „Das genügt nicht. Kannst du nachweisen, dass die nach 1955 eingewandert oder hier geboren sind?“ „Noa, sicha, doas muss ich aba erst prüf`n und…“ „Ja, solange gibt’s kein Geld“ „Wie, koan Goeld?“ „Kein Geld. Alles gestrichen. Von Hartz IV über Kindergeld bis Wohngeld. Ich zitiere Artikel 12:  2 Die Behörden können bei verbleibenden Identitätszweifeln verlangen, dass die Identität durch Abgleich von Fingerabdrücken mit den im Ausländerzentralregister gespeicherten Daten bestätigt wird. Bis dahin liegen alle Sozialleistungen auf Eis. Bist du da registriert?“ „Natüarlich nicht! I bin ja Doitscha!“ „Dann registrier dich da. Dann reden wir weiter! Vorher: Nix money money! Du Wirtschatfsflüchtling!“ „Wiaso doan jetzt ,Wiatschaftsflüchtling‘?“ „Ja, was machst du denn sonst hier? Oder habt ihr in Bayern keine eigenen Wirtschaften? Als CSU Wähler kannst du wohl kaum politisches Asyl suchen!“

Er schaut blöde in sein Bier.

Manni schaltet sich ein. „Hömma, du kannst doch unmöglich so unfreundlich mit meinem Kuseng aus Bayern reden! Sag mal, Gastfreundschaft ist doch gerade dir mal ein Begriff, oder?“ „Jau“, sag ich, trink den ersten Whisky und schau Manni lange an. „Gastfreundschaft. Ein ganz neues Wort bei dir. Das würde ich gern berücksichtigen, aber…bei dir hab ich ja auch bedenken“ „Wie, wat, Bedenken?“ „Na, hast du nicht neulich gesagt, dass du gegen die Regierung Merkel bist? Und hast du nicht gefordert, dass man die ganze Politikerkaste köpfen sollte? Und wenn nicht köpfen, dann zumindest mit nacktem Arsch aus dem Parlament jagen müsste?“ „Weißte, so ein paar Bier…“ „Und dann hast du behauptet, wir würden hier in einer scheiß Diktatur leben und das man eh einen großen Umsturz braucht. Weißt du noch? Integrationsgesetz Bayern, Artikel 14, Unterlaufen der verfassungsgemäßen Ordnung! Das machst du dauernd, mein Freund. Und du bist vermutlich Migrant. Könntest du mir bitte nachweisen, dass deine Eltern und Großeltern nicht nach 1955 eingewandert sind? Andernfalls müsste ich mal die Ausländerbehörde über deine Subordination informieren!“ „Da kannst du scheiss Faschist ja gleich einen Ariernachweis verlangen!“ Ich sehe Manni lange in die Augen und süppel dabei am Whisky.

„Genau, du Kackbratze. Ich mach nur, was dein hochgelobtes bayrisches Gesetz fordert.“ Dabei hebe ich den Papierstapel leicht an.

Manni stiert mich an. Dann geht er eine Rauchen. Nicht ohne ein Pils und einen Kurzen mitzunehmen. Ich hau ihm auf die Finger, als er meinen Whisky auch noch mitschleppen will. Keine Ahnung wo er den lässt, aber bei Alkohol entwickelt Manni spontan auch mal eine dritte Hand.

Ich seh zu der bayrischen Amazone auf.

„Und, wie findeste euer neues Gesetz so?“

„Doas gilt hia ja nicht. Soanst wüad I ja jetzt a n Pils bestell’n. So trink I liaba noch woas g’scheites!“, sagt er und bestellt Bärwurz und Weizen. Es ist beinahe Karfreitag. Was soll ich sagen? Jesus starb für unsere Sünden. Soll ich jetzt einen Bayer für ein Weizen kreuzigen? Auf Nächstenliebe pochen? Sie wissen nicht was sie tun. Amen. In der Jukebox läuft das gleiche Lied nochmal. So drehen wir uns im Kreis.

Ich kauf‘ mir lieber einen Tirolerhut,
der steht mir so gut,
der steht mir so gut.
Dann mach‘ ich sonntagabend Blasmusik,
immer nur dasselbe Stück.

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