Warum ich Optimist bin

„Wusstest du eigentlich, dass ein Igelwurmweibchen ihre Männchen auskackt? Die kriechen durch ihren Mund und nisten sich in ihrer Vagina ein. Und wenn sie fertig sind, kackt sie die wieder aus!“

Ich lande immer bei den verrückten Frauen, aber Tanja ist in meinem persönlichen Freak-Ranking schon echt weit oben.

Dazu muss man wissen, das ich für junge Frauen, die sich jeden Abend in Kneipen herumtreiben, zu viel trinken und Nacht für Nacht einen anderen Typen abschleppen, nur einen Ausdruck verwende: „N’abend!“

Ich denke, Tanja fällt genau in diese Zielgruppe, deswegen habe ich sie zum „Film gucken“ eingeladen. Für mich ist das einfach eine Langform. Streicht man ein paar Buchstaben, wird ganz schnell „Ficken“ daraus. Ich bin auch selten sprachlos, aber Tanja hat das tatsächlich geschafft. Das ist aber auch nicht weiter schlimm. Sie plappert nämlich einfach munter vor sich hin. Was sie genau sagt? Ich weiß es nicht.

Ihr kennt das, denke ich. Man kann einfach nicht mehr zuhören, weil man sich die ganze Zeit fragt, wie es sich wohl anfühlt, nach dem Koitus ausgekackt zu werden.

Ich brauche noch eine Weile, um diese Information zu verdauen. Tanja ist Biologin. Das erklärt einiges.

Irgendwann findet sogar ihr Monolog sein Ende. Ihr Tonfall verrät mir, dass ich das Kopfkino langsam abschalten muss.

„Hast du ein Kloho?“ – „Neihein.“, sage ich. – „Wie jetzt?“ „Kein Klo. Aber du kannst vom Balkon pinkeln. Für große Geschäfte steht dort sogar ein Eimer.“

Ihr Blick wandert ungläubig zwischen mir und meiner Balkontür hin- und her. Schließlich steht sie unentschlossen und sichtlich verunsichert auf. Als sie gerade meine Balkontür öffnen will, schreite ich ein. Ich möchte meinem Nachbarn Bodo nicht erklären müssen, warum ihm jemand von oben herab in die Gartenkresse pinkelt. Sie geht also auf meine Toilette. Doof ist die nicht, einfach nur ein bisschen schräg und naiv. Denk ich mir. Ich ziehe das Rollo zu und bin froh, Karl-Heinz mit einem Hunni in die Kneipe geschickt zu haben.

Tanja kommt vom Klo. „Wir wollten doch Film gucken!“, sagt sie. Ich glaube noch nicht so ganz, dass sie das ernst meint. Deswegen stimme ich erst mal zu. Wir schauen irgendeine Komödie. Mir egal was, ich achte nur darauf, dass Til Schweiger nicht mitspielt.

Ich rücke an Tanja heran und lege einen Arm um sie.

Sie rückt von mir weg und umarmt stattdessen eines meiner übergroßen Couchkissen. Als ich nachrücke, beginnt sie, ihren Oberkörper vor und zurück zu wippen. Ich sehe nackte Panik in ihren Augen. Mich beschleicht das unangenehme Gefühl, dass sie wirklich nur Film gucken will.

Immer wenn ich nach rechts gucke, bin ich leicht verstört von ihrem Anblick. Das Klammern und Wippen zieht sie bis zum Abspann durch. Immerhin hält sie endlich mal die Klappe.

Danach freut sie sich total, wie lustig der Film ist und plappert wieder drauf los. Ich erfahre Dinge über das Paarungsverhalten der Pilzlederkoralle, die ich nie wissen wollte. Dabei umarmt sie immer noch das Kissen und wippt hin und her. Es gibt nur eine Lösung: Das Kissen muss weg.

Es ist ein wilder Kampf, aber letztlich entwinde ich es ihr und verprügle sie ausgiebig damit. Als mein Arm irgendwann müde und taub wird, höre ich auf, auf sie einzuschlagen und werfe das Kissen in die Ecke. Das tat gut. Tanja nimmt sich ein neues Kissen. Wir wiederholen das Spiel. Dreimal. Dann gehen ihr die Kissen aus. Als sie schließlich bar jeder Verteidigung vor mir sitzt, wirkt sie so nackt und verletzlich. Das berührt mich wirklich sehr.

Ich stecke ihr meine Zunge in den Hals. Sie wehrt sich fast gar nicht. Ich grabsch ihr an die Titten. „Sei vorsichtig mit meinen Nippelpiercings!“, stöhnt sie und ich feier‘ mich ein bisschen ab. Es gelingt mir am Ende sogar, ihr den Tanga aus- und mir ein Kondom überzuziehen. Genau in dem Moment, in dem ich den Höhlenforscher spielen will, kracht es an meiner Wohnungstür, als würde ein Laster hindurch brechen.

„Was war das?“ Tanja ruckt hoch. „Was meinst du?“, frage ich und finde mich selbst ein wenig unglaubwürdig.

Wehe, Karl-Heinz ausgerechnet jetzt zurück kommt!

„Na, das Geräusch!“ – „Welches Geräusch?“

Exakt in dieser Sekunde knallt es noch einmal. Danach klirren Schlüssel und irgendjemand flucht ganz laut.

„Das ist…eh… mein Mitbewohner.“ Immerhin ist das halbwegs die Wahrheit. „Du hast eine Einraumwohnung!“, stellt Tanja vollkommen zurecht fest und springt panisch hoch. „Der sieht uns doch!“ Der hat schon Schlimmeres gesehen, denke ich, behalte den Gedanken aber für mich. Sie hat die Hose noch nicht ganz oben, als die Tür aufgeht.

Jemand summt leise „Into the fire“ von Deep Purple vor sich hin und taumelt lautstark von einoer Flurwand zur anderen. Tanja sprintet los. In ihrer Panik stolpert sie über die eigene Hose und schlägt der Länge nach hin. Es ist nichts passiert. Die zwei, drei Zähne sind doch kein Beinbruch. Gut, Karl-Heinz sieht das anders, aber mit einer Kombizange kriegt man die sicher wieder aus ihm raus. Ob Tanja ihre Schneidezähne vermisst, habe ich nie erfahren. Sie hastet meine Treppe herunter, die Hose immer noch auf Halbmast. Das Letzte, was ich von ihr sehe, ist ihr nackter Arsch.

Ich lande immer bei den Verrückten.

Dennoch bin ich Tanja sehr dankbar. Denn dank ihr bin ich Optimist. Egal wie schlecht es mir geht, von heute an kann ich immer an das Igelwurmmännchen denken und mir sagen: Ausgekackt hat dich bisher noch keine.

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