Der Bankraub

„Ich hab einen Job für dich gefunden!“, sagt Stephan und ich höre so etwas wie Euphorie in seiner Stimme.
„Du kannst morgen früh bei der Sparbank anfangen!“

Ich seufze gequält auf. Mein Bruder ist quasi das Gegenteil von mir: Solider Job. Eigenheim. Frau und Kind. Und das Fürchterlichste: ein Kombi von Opel. Ihm hat noch nie gefallen, dass ich (so sagen er und Mama immer) meine „Talente als versoffener Straßenmusiker“ vergeude. Dabei bin ich Schriftsteller. Und die Sache mit der Straßenmusik… da schläft man einmal in der Innenstadt ein. Mit Gitarre im Arm. Volltrunken. Und schon hängt es einem das ganze Leben lang nach! Okay. Vielleicht war es auch zweimal. Nach dem ersten Mal hatte ich genug im Hut, um einen Döner und eine Flasche Korn zu frühstücken. Eskalation vorprogrammiert. Jugendsünden, die man mit zwölf eben mal begeht.
Frühstück ist eine Klasse Idee. Ich greife in den Kühlschrank und erwische etwas Klebriges mit ganz vielen Haaren. Es ist manchmal widerlich, mit einem Kobold zusammen zu leben. (In Wahrheit ist es immer widerlich, aber meist ist man zu besoffen, um es zu bemerken.) Ich pfeffere Karl-Heinz, der aufwacht und protestiert, in eine Ecke.
Kalte Pizza vom Vortag und eine Dose Bier. So lebt es sich. Währenddessen quatscht mein Bruder weiter vor sich hin. Schließlich unterbreche ich ihn: „Sag mal, das ist nicht zufällig dieselbe Filiale, in der du seit einer Woche Filialleiter bist?“
Er schluckt hörbar. „Nun ja, also…“ „Aha. Wusste ich es doch. Du weißt außerdem, dass ich keinen Schimmer von diesem Bankscheiß habe?“ Dass ich meine Kontosauszüge immer ungelesen als Klopapier verwende, verschweige ich ihm. Die mannigfaltigen Wege, Geld zu sparen, sind das Betriebsgeheimnis vieler Künstler. Ich warne an dieser Stelle allerdings begeisterte Nachahmer: Druckerschwärze brennt ein wenig an empfindlichen Körperteilen.
Mein Bruder redet sich heraus: „Nun ja, das wäre erst einmal nur ein Praktikum. Wenn es gut läuft, könntest du eine Ausbildung machen. Und da ich ja die Beurteilung schreibe…“ „Vergiss es. Das ist nicht mein Ding.“

Stephan seufzt. „Ich dachte mir, dass du das sagst. Das ist schade, weil ich durchgesetzt habe, dass du bezahlt wirst und…“ „Warte, sag das noch mal. Wie viel gibt’s?“
Ich gestehe, dass ich an dieser Stelle weich werde. Ich habe diese Phobie: Immer wenn mir jemand mit Geld droht, bekomme ich Angst und tue, was von mir verlangt wird. Außerdem wäre dann mal wieder richtiges Klopapier im Budget. Ich stimme also, allen Gewissensbissen zum Trotz, zu.
Kaum habe ich aufgelegt, trifft mich etwas schmieriges an der Wade. Karl-Heinz ist in einer Packung Flüssigseife gelandet, die aus vollkommen schleierhaften Gründen aufgeschnitten auf dem Boden liegt und will Rache. Ich erkläre ihm kurz, dass wir wieder zu Geld kommen.
„Alter!“, ruft er. „Das ist der Wahnsinn! Du erwirbst Insiderwissen! Wir rauben einfach die scheiß Bank aus! Das machen wir!“ „Karl-Heinz, mein Bruder arbeitet da. Das können wir nicht bringen!“ Wir diskutieren eine Runde bei Bier und Pizza darüber und er gibt sich letztlich geschlagen. Ich krame meinen Beerdigungsanzug aus dem Schrank. Mir wird mulmig dabei. Ehrliche Arbeit war noch nie mein Ding.

Das Gute am nächsten Morgen ist, dass ich der hübschen, neunzehnjährigen Azubine zugeteilt werde.
Damit hört’s aber auch schon auf.
Die ersten zwei Stunden hänge ich im Vorraum der Filiale ab und nehme Überweisungen entgegen. Dabei stelle ich fest, dass erstaunlich viele Menschen scheinbar nur zum Meckern in die Bank kommen. Gleich zu Anfang läuft so ein Kandidat für das Arschloch des Monats vor meine Flinte: Seinen schwarzen BMW parkt er quer über die beiden Behindertenparkplätze, dann stürmt er direkt auf mich zu und drückt mir seine EC-Karte in die Hand. „500 Euro! Und glotz‘ nicht so doof. Bin in Eile.“
Ich räuspere mich. „Sehe ich so aus, als hätte ich 500 Piepen in der Tasche?“ Er guckt mich an, als wüsste er nicht, wer von uns beiden nun der Doofe ist. „Du sollst mir welche holen, du Vollidiot! Von meinem Konto.“ „Der Geldautomat ist gleich hinter mir“, sage ich und mache ihm demonstrativ Platz. Aber das lockt Arschloch nicht aus der Reserve.
„Ich weiß meine Geheimzahl nicht. Du musst mir die Auszahlung an der Kasse freischalten. Worauf wartest du? Hopp hopp!“ „Leck mich doch am Arsch!“

Er wird erst blass, dann rot. „Wie bitte?“, fragt er. Den Ton kennt er wohl noch nicht. Ich grinse freundlich.
„Ich sagte ,Bitte nicht so barsch!’“ Dann begutachte ich sorgsam und betont langsam seine EC-Karte.
„Wissen Sie, Sie haben die Karte gar nicht unterschrieben.“ „Spiel nicht den Klugscheißer!“ „Du bist eine alte Sau!“ „Bitte? Wenn du noch so eine Frechh…“ „Ich sagte ,Ich arbeite halt genau!’“ Er schaut mich blöde an.
„Wenn Sie Ihre Karte nicht unterschreiben, könnte jemand, der sie zufällig findet, einfach selbst unterschreiben und Geld von Ihrem Konto abheben! Sehen Sie? Ungefähr so.“ Ich ziehe einen Kugelschreiber aus der Tasche und kritzle „Karl Arsch“ auf das Unterschriftfeld.
Seine Halsschlagader schwillt auf das achtzehnfache ihrer normalen Größe. Seine Augen treten aus den Höhlen hervor und seiner Kehle entringt sich ein Schrei, den ich allenfalls mit „krepierendes Walross auf Ecstasy“ umschreiben kann.
Alle starren uns an. Mein Bruder hetzt an mir vorbei.
„Herr Dr. Radtke, was ist denn passiert? Hat mein Mitarbeiter etwas falsch gemacht? Bitte, kommen Sie in mein Büro, unsere Azubine bringt Ihnen einen Kaffee, ich bin sofort für Sie da!“ Während Arschloch von der niedlichen Kleinen ins Büro geleitet wird, zerrt Stephan mich in die Teeküche.
„Spinnst du eigentlich? Das ist einer unserer besten Kunden!“ „Der ist ein Arschloch. Schau ihn dir mal an!“ „Na und? Der hat soviel Kohle, dass du dich gefälligst bedankst, wenn er dich einen Deppen nennt! Das Provisionsgeschäft ist…“ „Du bist ein Arschkriecher, Stephan.“
Wir funkeln uns einen Moment lang an, dann dreht er sich um und geht. Ich höre ihn so etwas wie „Das klären wir später!“ und „Du bleibst hier und richtest keinen Schaden an!“ murmeln.
Das kommt mir ganz recht. Ich setze mich auf einen Stuhl und gieße mir etwas Whisky aus meinem Flachmann ein. So gefällt mir das. Gar nicht so übel, dieser Bankscheiß, denk ich noch. Dann nimmt die Katastrophe ihren Lauf.
„Pssssst!“ Ich zucke erschrocken zusammen.
Karl-Heinz sitzt unterm Tisch und grinst verstohlen. Mir schwant Übles.
„Was tust du hier?“, frage ich und weiß im selben Moment schon die Antwort. „Kundschaften!“, sagt er auch prompt.
„Hast sie gut abgelenkt da draußen, Kumpel. Ich komm aber nicht so leicht durch den Tresor durch. Dicker Stahl. Zeitschloss. Leider haben die vorne auch kein Bargeld, die zahlen alles über den Automaten aus.“ Ich sehe ihn fassungslos an. Der meint das echt ernst!
„Ich hab aber ein wenig Sprengstoff besorgt! Damit könnten wir den Geldautomaten in die Luft jagen…“
Ich packe meinen Kobold am Kragen.
„Jetzt pass mal auf, du Fellgesicht, ich sag’s nur einmal. Aber dafür so deutlich ich kann: WIR.WERDEN.DIESE.SCHEISS.BANK.NICHT.ÜBERFALLEN!“
Karl-Heinz schaut mich verdutzt an. „Nein, wir brechen ein. Das ist was anderes, du Weichhirn! Aber du hast Recht. Wenn es gar nicht anders geht, starten wir einfach einen Überfall. Also, dass ist der Plan. Wir…“ Mehr höre ich nicht, der Rest geht unter Schmerzensschreien unter.
Ich ohrfeige Karl-Heinz eine Runde und stecke ihn dann in den Mülleimer. Schließlich kommt Stephan zurück und ruft mich in sein Büro. Schließlich kommt Stephan zurück und ruft mich in sein Büro.
Ich soll mich bei Arschloch entschuldigen. Der funkelt mich triumphierend an. „Ich will, dass der entlassen wird!“
„Warum sollte ich mich dann entschuldigen?“, frage ich gelassen und grinse meinerseits ein wenig.
Bevor Arschloch reagieren kann, höre ich laute Schreie aus dem Vorraum.
„Hände hoch! Überfall!“ Stephan und ich sehen uns an und stürmen raus. Zu meiner Erleichterung ist das gar nicht Karl-Heinz, sondern ein echter Bankräuber.
„Gott sei Dank!“, entfährt es mir und alle sehen mich an, als wäre ich nicht ganz dicht.
„Hey du!“, sagt der Kerl mit Maske und Pistole dann zu mir.
„Was bist du denn für ein Clown? Du gehst jetzt nach hinten und bringst mir die Kohle, klar?“
Gott, ist der blöde. „Wir haben ein Zeitschloss. Und kein Bargeld hier vorne“, erkläre ich. „Das dauert eine Weile. Magst du einen Kaffee? Im Büro wärst du in guter Gesellschaft, da sitzt schon einer, der ist genauso ein Arschloch wie du.“
Der Bankräuber erstarrt. „Die Arschgeige, die auf den Behindertenparkplätzen steht? Da wollte ich mein Fluchtfahrrad parken, aber jetzt ist da kein Platz mehr.“
„Japp, genau der.“ „Bring den her!“ Ich gehe folgsam nach hinten und zerre Arschloch mit mir an den Tresen.
„Isser das?“ „Japp, ist er.“ Der Bankräuber schießt Arschloch ansatzlos in den Fuß. „Und jetzt fahr deine scheiß Bonzenkarre da weg!“, kommandiert er. Dumm wie ein Pflasterstein. Ich denke kurz nach.
„Nimm doch einfach seine Karre!“, biete ich ihm schließlich an und fingere in Arschlochs Taschen nach dem Schlüssel. Stephan setzt sich zitternd in einen Bürostuhl. Die Mordgedanken stehen ihm ins Gesicht geschrieben.
Der Bankräuber kratzt sich ratlos am Kopf.
„Aber was wird dann aus meinem Fahrrad?“ „War es sehr teuer?“ „Nein, hab’s geklaut.“ „Na also. Dann betrachte es doch als gutes Tauschgeschäft. Du kommst mit einem Fahrrad und erhältst einen BWM dafür.“ „Ich glaube, da hast du Recht.“ Ich werfe ihm die Schlüssel zu und hoffe inständig, dass er sich jetzt verpisst. Er ist auch tatsächlich schon fast in der Tür, als ihm etwas einzufallen scheint. mit einem Fahrrad und erhältst einen BWM dafür.“ „Ich glaube, da hast du Recht.“ Ich werfe ihm die Schlüssel zu und hoffe inständig, dass er sich jetzt verpisst. Er ist auch tatsächlich schon fast in der Tür, als ihm etwas einzufallen scheint.
„Hey, ich wollte doch noch Kohle haben!“, sagt er und zeigt mit der Waffe auf mich. Wäre auch zu schön gewesen.
Ich denke fieberhaft nach. Da sehe ich eine kleine Gestalt hinter einem Kontoauszugdrucker. Karl-Heinz. Seine Lippen formen lautlos das Wort „Zu mir“. Puh. Aber wie?
„Ich glaube, ich kann dir doch helfen“, sage ich und tue so, als müsste ich nachdenken. Dann hole ich die EC-Karte von Arschloch hervor.
„Komm mal mit!“, sage ich und bitte die Azubine freundlich, soviel Geld wie möglich von Arschlochs Konto auszahlen. Sie schaut zwischen Stephan, dem Bankräuber und mir hin- und her. Schließlich ist sie überzeugt, als der Bankräuber Arschloch auch noch in den anderen Fuß schießt. Sie zieht die Karte durch, druckt einen Beleg und hält mir beides hin.
„Bitte einmal unterschreiben!“, sage ich freundlich zum Bankräuber.
„Haha, du hältst mich wohl für dumm! Du willst doch nur meinen Namen rauskriegen! So läuft das nicht!“
„Du musst schon unterschreiben, damit alles seine Richtigkeit hat. Sonst verliere ich meinen Job. Aber du kannst ja mit seinem Namen unterschreiben.“ Dabei deute ich auf das Unterschriftfeld.
Der Bankräuber lacht wie irre los. „Der heißt echt Karl Arsch, der Typ? Wie geil ist das denn! Haha! Na schön, den Jux mache ich mit!“ Er unterschreibt und hält dann erwartungsvoll inne. „Und nun?“
„Nun musst du zum Automaten gehen!“, erkläre ich ihm geduldig. „Ach so, ja. Zu welchem?“ Ich zeige auf den Geldautomaten und setzte ein betont listiges Gesicht auf. Dabei sage ich ganz langsam und so verschlagen wie es geht: „Ganz unbedingt zu dem Automaten!“ Er geht folgsam auf den Automaten zu und ich sehe meinen Plan schon scheitern.
„Ganz wichtig, dass es dieser ist!“, rufe ich also nochmal verzweifelt.
Da kichert der Bankräuber wieder los. „Du glaubst wirklich, ich wäre blöd! Das ist doch eine Falle! Ich nehme einfach den anderen!“
Die Blitzbirne wechselst tatsächlich die Richtung und geht auf den Kontoauszugsdrucker zu. Gespannt warte ich, was Karl-Heinz wohl vor hat. Während der Typ vor dem Gerät steht und die Karte einsteckt, huscht der Kobold hinter dem Gerät hervor und verknotet ihm die Schnürsenkel.
„Hey, da kommen ja nur Kontoauszüge raus!“, ruft der Bankräuber enttäuscht.
„Ich hab dir gesagt, du sollst den anderen Automaten nehmen. Ganz unbedingt!“
Der Bankräuber überlegt. Schaut zu mir. Schaut auf den Geldautomaten. Schaut zu mir. Dann geht er los und stolpert über seine Schnürsenkel. Als er ins Taumeln kommt, springt Karl-Heinz auf und gröhlt einen Kriegsschrei.
„Niemand überfällt meine Bank, kapiert? Ich war zuerst hier, du Arschratte!“ Er hockt sich auf den liegenden Bankräuber und beißt ihm in die Nase. Nach einem kurzen Gerangel wirft der Kerl Karl-Heinz ab und schlüpft aus den Schuhen. Er will zur Tür, kommt aber nicht weit. Ich höre Karl-Heinz fieses Kichern und beobachte, wie er eine Fernbedienung aus der Tasche zieht. Mit wirrem Blick drückt er auf einen großen, roten Knopf.
Der BMW auf den Behindertenparkplätzen vergeht in einer Explosion, die Cobra 11 alle Ehre gemacht hätte. Die gesamte Vorderfront der Bank wird weggerissen und mich haut es von den Füßen. Karl-Heinz springt lachend um das Feuer und singt schmutzige Lieder. Arschloch, Bankräuber und Stephan schreien wie aus einem Mund.
Im allgemeinen Chaos gelingt es mir, ein paar umherfliegende Fahnen Kontoauszugspapier einzusammeln. Ich stecke sie verstohlen in die Tasche. Unbedruckt. Keine Druckerschwärze dran. Ich liebe Happy Ends.

 

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