Wat is?! „Gier-Griechen!“

Tagespolitische Themen werden da diskutiert, wo die Wahrheit noch gesagt werden darf: Am Stammtisch. Für Deine SPD schreibe ich, was in Deutschlands Kneipen wirklich bequatscht wird. Warnung: Selten ernst gemeint.

„Die Pleite-Griechen wollen uns doch nur ausnehmen, dat muss dir doch klar sein!“ Manni ist wieder voll in seinem Element. Ich trink ein Pils und lass ihn reden.

„Seit Jahren kriegen die Kohle von uns und liegen selbst faul in der Hängematte. Siesta machen die den ganzen Tag und wir müssen uns dafür krumm buckeln!“

„Dat is spanisch, Manni.“ Ich grins mir einen und beiß‘ in meine Frikadelle.

„Wat hasse gesagt?“ „Siesta ist spanisch.“ „Lass jetzt nicht wieder den Klugscheißer raus hängen! Diesmal kriegste mich mit der Tour nicht klein, dat sag ich dir! Die gehören aus dem Euro raus und wir müssen unser Geld wieder bekommen! So einfach ist dat!“

Ein Schluck Pils, ’n bisschen Senf auf die Frikadelle und runter damit. Manni muss in meinem Gesicht wat sehen, dat ihn aus der Haut fahren lässt.

„Grins nicht schon wieder so! Diesmal hab ich Recht! Die faulen Schweine müssen aus dem Euro raus!“

Ein Korn zur Verdauung. Dann fühl ich mich gestärkt. Kann los gehen. „Die Griechen arbeiten mehr als wir.“ „Dat kann nicht!“ „Doch, hat Eurostat 2013 festgestellt: Die Griechen sind Spitzenreiter der EU mit einer Wochenarbeitszeit von 42 Stunden. Wir machen nur 35 Stunden die Woche.“ „Dat kann nicht sein!“ „Doch, in Griechenland geht der Trend zum Zweit- oder Drittjob. Bei uns werden dagegen viele Stellen gar nicht mehr Vollzeit ausgeschrieben.“ Manni schluckt und spült seinen Korn runter.

„Und trotzdem werfen wir denen immer mehr Geld in den Rachen! Die sind sowas von gierig!“ „Was haben wir denen denn in den Rachen geworfen?“

„Wat is‘ denn mit den ganzen Hilfspaketen? 110 Milliarden haben die bekommen! Und dat war nur eins! Da guckste, wah!? Dat schlaue Spiel mit den Zahlen kann ich auch!“ „Dat waren aber nur Kredite, Manni. Kredit heißt: Die müssen dat zurück zahlen.“ „Als ob wir dat jemals wiedersehen, dat Geld!“ „Weiß man nicht. Aber Almosen sind dat nicht. Die Griechen müssen richtig hohe Zinsen dafür zahlen und dauernd bei der EU betteln, dat die Kredite verlängert werden. Darum geht’s nämlich: Die EU und die Banken verdienen an den Griechen. Fast 27% Zinsen sind dat aktuell. Dagegen ist dein Dispo ein Schnäppchen.“ Manni nippt am Pils. Der braucht Spucke. „Über 400 Milliarden haben die Schulden! Kannste dir dat vorstellen? 400 Milliarden! Und dat nach dem Schuldenschnitt!“

„Deutschland hat aktuell rund 2,2 Billionen Euro Staatschulden. Dat ist etwas mehr als dat Fünffache, Manni. Und ohne den Schuldenschnitt wär dat Geld wirklich weg. Samt Wucherzins. Merkste wat?“

Manni geht kommentarlos eine rauchen. Ich glaub, er grummelt was von wegen „Verdammter Gutmenschenklugscheißer“ in sein Flanellhemd. Könnte aber auch „Ich sollte glatt ’ne Runde schmeißen“ heißen. Ich bestell Nachschub.

Manni kommt wieder und schafft es kaum, seinen Klaren runter zu kippen, so gierig ist er, mir seine Erkenntnis unter die Nase zu reiben:

„Dat kannst du gar nicht vergleichen! Deutschland ist größer und wirtschaftsstärker als Griechenland!“

„Haste recht“, sag ich. „Es kommt auf die Wirtschaftskraft an: Ist wie bei einem Bankdarlehen. Je höher dein Einkommen, desto mehr Schulden kannst du aufnehmen. Und da siehts bei den Griechen tatsächlich mies aus.“

„Siehste! Ha!“ „Ja, aber wat du machst, ist schimpfen. Und keine Lösung suchen.“ „Raus aus dem Euro! Dat is die Lösung!“ „Und die Schulden der Griechen?“ „Zurückzahlen natürlich!“ „In Drachme?“ „Wieso dat denn? Natürlich in Euro.“ „Aber wenn die aus dem Euro raus sollen… dann haben die direkt die nächste Krise. Kannste dir vorstellen, wie teuer das wird? Schulden, Zinsen und Wechselkurskosten?n Grexit heißt auch Pleite. Oder Schuldenerlass. Kommt aufs selbe raus. Da kriegen wir wirklich nichts mehr von den Krediten wieder.“

„Du meinst also, wir sollen denen helfen? Noch mehr Geld schicken?“ „Soviel, dat die Griechen nicht pleite gehen, ja. Und dat zu niedrigeren Zinsen. Dat würde helfen.“ „Und dann verprassen die dat!“ „Wieso verprassen die dat?“ „Guck dir den Tsirpas doch mal an! Beamte einstellen! Mindestrenten! Privatisierungsstopp! Die ganzen Milliardäre, die keine Steuern zahlen!“ „Und eine Säuglingssterblichkeit, die um 43% gestiegen ist. In Europa sterben Kinder und wir schauen zu! Die Gesundheitsvorsorge verschlechtert sich dramatisch.“

„Und die Milliärde? Sollen die dat doch zahlen!“ „Manni, du bist ’n Arschloch.“ Wir nippen schweigend am Pils.

„Dat mit den Kindern ist hart, haste recht.“ Manni schaut betreten. Wir stoßen an.

„Und du hast recht“, geb‘ ich zu. „Die Griechen haben ein Problem, Steuern einzutreiben. Aber wie sollen sie das auch machen? Um Steuern einzutreiben, brauchst du Personal. Also Beamte. Und nicht nur das: Steuern zahlen kann nur, wer gut verdient. Wirtschaftskraft. Wenn du willst, dat jemand seinen Kredit zurück zahlt, muss er Arbeit haben. Bezahlte Arbeit. Wir verlangen gerade von den Griechen, dat die für Kleingeld schuften, ihre Gesundheit ruinieren und dabei noch ihre Schulden bezahlen. Und wenn sie dat nicht tun, wollen wir ihnen noch dat Auto wegnehmen, mit dem sie zur Arbeit kommen. Deswegen hat der Tsirpas den Verkauf des Hafens in Piräus gestoppt.“

„Und wat soll man da nun machen? Wir können denen doch nicht ewig helfen!“ „Stimmt. Aber wir helfen denen im Grunde doch gar nicht. Sogar noch schlimmer: Wir erpressen dieses Land und die Menschen, die darin leben mit Wucherzinsen. Die schuften weit mehr als alle anderen Europäer und werden trotzdem als faul beschimpft. Die haben eine Gesundheitsvorsorge, die immer näher an ein Entwicklungsland rückt. Babys sterben, Kranke und Alte werden unzureichend versorgt. Und wir nennen sie ,Gier-Griechen‘. Wir sind unverschämt und hetzen gegen Menschen, die dasselbe wollen wie wir: Ein halbwegs gescheites Leben, Gesundheit, und soviel Lohn, dass man davon leben kann. Und warum machen wir das? Weil wir dabei gewinnen. Deswegen hängt Griechenland am Tropf: Banken und Staaten verdienen am Elend der Griechen, sogar trotz Schuldenschnitt. Da müssen wir ran. Wir brauchen endlich eine dauerhafte Lösung.“

„Und wie sieht die aus?“

„Wat macht die Bank denn, wenn einer seine Schulden nicht zahlen kann? Die verlängert die Kreditlaufzeit und senkt manchmal sogar den Zins. Und dabei verdient sie, weil im Laufe der Zeit auch mehr Zinsen anfallen. Und die Alternative wäre Totalverlust. Der Schuldner geht insolvent, die Bank macht Verlust. Bringt keinem wat. Die Lösung heißt also: Zinsen, die man auch bezahlen kann. Eine Laufzeit, die realistisch ist. Und wir müssen den Griechen helfen, ihre Wirtschaft wieder aufzubauen. Mehr Einkommen, quasi. Dat klappt aber nicht, wenn die Menschen krank sind und Angst um ihre Kinder haben. Griechenland braucht echte Hilfspakete, die den Namen auch verdient haben. Dann geht’s da auch wieder nach oben und wir kriegen vielleicht sogar mal Geld wieder.“

Manni schaut mich lange an. Dann bestellt er zwei Pils, zwei Korn und noch ’ne Frikadelle für jeden. Während ich kaue, seh‘ ich, wie er verstohlen die zwei, drei Deckel der letzten Woche bezahlt.

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Ein Gedanke zu „Wat is?! „Gier-Griechen!“

  1. So langsam scheint es für die Griechen aber wirklich ernst zu werden. Aber wenn man man ehrlich ist, dann sollte jedem klar sein, dass sicherlich in Zukunft noch mehr Länder das gleiche Problem aufweisen werden, wie Griechenland. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis das nächste Land zugrunde geht.

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