Tardis, Trabbi, Tod

„Hey, stör‘ ich dich gerade?“ Mein Bruder ist am Telefon.

Ich schau mich in meiner Bude um. Mein Kobold hockt auf einem Haufen Leergut und schnarcht trunken vor sich. Dabei umarmt er eine Flasche Whisky. Wir haben uns eine „Raumpatrouille Orion“-Nacht gegeben, weil dass das einzige ist, bei dem wir uns nicht prügeln. Die Sonne geht gerade auf.

„Nö“, sag ich und nippe an der letzten Dose. „Hab die ganze Nacht gearbeitet. Mein Roman ist fast fertig.“

„Oh, das ist schön“, sagt Stephan wenig begeistert. Er will mich immer zu ehrlicher Arbeit überreden, der Leuteschinder.

„Ich muss dir etwas Trauriges mitteilen: Onkel Ronny ist tot. Er ist gestern gestorben. Herzinfarkt.“

Onkel…wer? Noch nie gehört.

„Das ist traurig, ich mochte ihn“, sage ich.

„Ja, es kam sehr plötzlich. Tante Lisbeth lässt ihn aus Chemnitz überführen. Er soll übermorgen bei uns bestattet werden. Du kriegst noch eine offizielle Einladung.“

Ah, jetzt konnte ich etwas mit dem Namen anfangen! Ronny war einer von Tante Lisbeths Ehemännern! Ich glaube, der zweite oder dritte. Damals war das Tantchen noch ein verhurtes Flittchen und hat sich jedem an den Hals geworfen, der Abenteuer versprach. Sie lebte damals sogar während der ganzen Ehe in der DDR. Drei Tage oder so. Ab Mann Nummer fünf wurde sie wählerischer und hat vor allem darauf geachtet, dass sie Kohle hatten. Deswegen ist sie bis heute gut situiert.

„Eh… wieso wird der bei uns begraben?“ „Tante Lisbeth und er haben sich zwar scheiden lassen, haben aber fast vierzig Jahre eine Brieffreundschaft gepflegt! Sie war sein Ein und Alles, er wollte immer in ihrer Familiengruft bestattet werden.“

Ich rechne kurz nach.

„Dann ist er bereits der vierte Ex-Mann, der dort liegt, oder? Wird das nicht langsam etwas voll? Gibt es da Etagenbetten?“

Stephan räuspert sich tadelnd. „Darüber wollen wir mal besser nicht sprechen. Sei einfach da. Tante Lisbeth wird sich freuen.“ Er atmet hörbar ein.

„Und noch was: Zieh dir einen Anzug an… und sei bitte nüchtern. Keine komische Dinger wie damals bei Onkel Alfred.“

Ich kichere in mich hinein. „Komm, es war witzig, ihm die spitzen Zähne vor der Totenwache anzukleben! Und das Kunstblut im Mundwinkel! Er hätte diesen Humor gemo…“ Aber da hatte Stephan schon aufgelegt. Er war immer schon der (so sagt es Mama jedenfalls stets) Vernünftigere von uns beiden: Banklehre, Haus, Frau, Kind, Kombi. Ich nenne das ja spießig.

Zur Beerdigung nehme ich Saskia mit. Mein Bruder schaut zwar etwas schief, aber Tante Lisbeth bestätigt mir sofort, warum diese Entscheidung weise war. Als sie mich umarmt, flüstert sie mir leise ins Ohr:

„Junge, was für ein scharfes Teil! Und ich dachte immer, du wärst schwul, weil du uns nie eine Freundin vorgestellt hast!“ Küsschen links.

„An der würde ich ja selbst gern mal naschen! Ach, der gute Ronny hätte auch seine Freunde an ihr gehabt! Da waren ja so wilde Zeiten im Osten damals!“ Küsschen rechts.

Ich unterdrücke mühsam ein Grinsen. Tante Lisbeth war mein Lieblingstantchen. Ich denke, dass ich die meisten Gene von ihr bekommen habe. Während wir uns umarmen, ziehe ich ihr unauffällig den Flachmann aus der Bluse.

Sie stutzt. Kurz bin ich in Sorge. Aber es sie hat nichts gemerkt. „Ist sie etwa eine Nutte? Machst du uns was vor? Junge, du kannst ehrlich sein…“

Jetzt bin ich dran zu flüstern: „Nein, sie ist meine Freundin. Wenn du brav bist, verrate ich dir, in welchen Pornos sie mitgespielt hat!“

Da lacht Tante Lisbeth lauthals los. Bei ihr denkt man immer, ein Pferd hätte einen fatalen Cocktail aus Lachgas, LSD und Absinth inhaliert.

„Du, ich wollte es eigentlich noch geheim halten, aber ich kenne schon Ronnys‘ Testament. Er kam in späten Jahren zu ziemlich viel Geld. Das meiste hat er seinem Tätowierer (Sie waren so ein süßes Paar! Ich habe Fotos!) und der Chemnitzer Tiertafel vermacht. Aber für euch Jungs kam auch etwas rum. Du erbst seine Trabbisammlung!“ Ich sehe sie ein wenig entgeistert an. Gut, dass ich ihren Flachmann habe. Andere haben einen reichen Erbonkel in Amerika – ich habe Onkel Ronny aus Chemnitz, der mir seine Trabbisammlung vermacht hat. Wundervoll. Just in dem Moment fährt ein schwarzer Trabbi vor. Gleich vorweg: Ja, es ist ein Leichwagenumbau und ja, Onkel Ronny liegt darin. In einem tardisblauen Sarg.

Auf ihm steht „Police Public Call Box“. Jetzt finde ich es doch etwas schade, dass ich den Kerl nicht kennen gelernt habe. Saskia hakt sich unter.

„Dein Tantchen hat mir gerade an den Arßsch gefaßßt! Sssie ißt alt… aber irgendwie immer noch sßarf“, lispelt sie in mein Ohr. Ich nippe unauffällig am Flachmann.

Stephan zieht mich zur Seite. „Was ist das denn für eine? Bist du jetzt Zuhälter oder was?“

Ich ziehe eine Augenbraue hoch und sehe ihn nachdenklich an.

„Hast du nichts Besseres zu tun, als meine Freundin zu beleidigen?“ „Ok, ich sag ja gar nichts gegen sie.“ Er taxiert sie auffallend. „Aber… ihre Aufmachung ist vielleicht etwas unpassend.“ „Wieso? Sie trägt komplett schwarz!“

Stephan räuspert sich. „Ja. Aber ich kann ihr Bauchnabelpiercing sehen. Es ist ein Sensenmann!“ „Er steht ihr doch, oder?“ „Sie trägt nichts drunter. Ich kann auch das andere Sensenmann-Piercing erkennen.“ „Noch nie was von einer Mottoparty gehört?“

Bevor er etwas erwidern kann, wird die Tardis an uns vorbei getragen und wir schließen uns dem Trauerzug schweigend an. Saskia und ich werden in die letzte Reihe bugsiert. Die Orgel hebt ein stimmungsvolles Lied an. Ich erkenne nach einem halben Takt, dass Onkel Ronny ein verflucht krasser Nerd gewesen sein muss. Ich pfeife also dezent die Titelmelodie von „Raumschiff Enterprise“ mit und nehme einen Schluck aus meinem Flachmann.

Der Pfarrer trägt eine Star-Trek-Gala-Uniform aus „Die Suche nach Mr. Spock“ und erzählt zur Begrüßung einen Witz auf klingonisch. Ich muss lachen und applaudiere spontan.

Dass diese Reaktion vielleicht nicht ganz angemessen ist, erkenne ich an den verstörten Gesichtern meine Sitznachbarn.

So geht es eine ganze Weile weiter – die ganze Zeremonie lässt mich kurz darüber nachdenken, wieder in die Kirche einzutreten. Ich meditiere darüber und habe, ohne es zu merken, den Flachmann komplett geleert.

Plötzlich geht der Sargdeckel hoch.

„Die ist von Innen gar nicht größer als von Außen!“, tönt eine tiefe Bassstimme durch die Einsegnungshalle.

Ich beschließe, nie wieder Alkohol zu trinken. Saskia umklammert meine Hand und nimmt mir den Flachmann weg, nur um enttäuscht festzustellen, dass er leer ist.

Der Pfarrer wechselt auf einmal zu deutsch und fleht den Herrn um Gnade an. Das verängstigt mich am Meisten. Seine Augen weiten sich, als eine kleine, haarige Gestalt in Latzhosen aus dem Sarg steigt. Sie ist etwas so hoch wie ein Bierkasten und trägt eine Flasche irischen Whisky unter dem Arm. Während sie das Orgelsolo nachpfeift, verpasst sie dem anderen Insassen des Sargs, den ich für Onkel Ronny halte, ein paar Ohrfeigen.

„Jetzt wach auf, du Arschnase! Das ist mal die geilste Beerdigung, auf der ich je wahr! Hey, das willst du doch nicht verpassen, oder!?“, lallt sie und gießt Onkel Ronny eine Portion Whisky über die Lippen. „Prost!“

Als Saskia anfängt, irre zu Kichern, weiß ich, dass es wirklich Karl-Heinz ist, der da auf einer Tardis (pardon, einem Sarg) sitzt, einen Leichnam verprügelt und dabei den Vorspann von Star Trek aufsagt.

„Der Weltraum!“ Eine Ohrfeige. „Unendliche Weiten!“ Noch eine Ohrfeige. So geht es eine ganze Weile weiter.

Die ersten Leute rennen schreiend raus. Tante Lisbeth hechelt auf den Sarg zu und liefert sich eine Prügelei mit Karl-Heinz. Mein Bruder versucht, Tante Lisbeth von Karl-Heinz wegzuziehen. Ich wiederum ziehe meinen Bruder nach draußen und bitte Saskia, uns kurz allein zu lassen.

Soll Karl-Heinz selbst zusehen, wie er da wieder rauskommt.

„Wir müssen Tante Lisbeth retten!“, empört sich Stephan.

„Ach, weißt du… ich glaube, die hat die Sache im Griff.“

Wir warten eine Weile schweigend vor der Tür. Ich zähle bis tausend, dann sehe ich nach dem Rechten und höre lautes Stöhnen.

Mein Kobold vögelt meine uralte Tante gerade in einer Stellung und in eine Körperöffnung, die vermutlich nicht mal im Kamasutra erfasst sind. Auf dem tardisblauen Sarg ihres Ex-Ehemannes, dem Karl-Heinz einen Strohhalm in den Mund gesteckt hat.

Ich räuspere mich. Keine Reaktion. Ich tippe Karl-Heinz freundlich auf die Schulter. Ich stelle fest, dass es sein Arsch ist. Bei der Behaarung ist das immer schwer zu unterscheiden. Jedenfalls habe ich seine Aufmerksamkeit.

„Ich bin beschäftigt!“, grummelt er und Tante Lisbeth quiekt leise.

„Dass ist das Problem. Das ist meine Tante. Und weißt du, wie alt die ist?“ „Haben wir geklärt!“, grinst Karl-Heinz und macht munter weiter. „Sie ist volljährig. Alles legal. Bin zwar etwa 150 Jahre älter als sie. Aber pssst, hab mich etwas jünger gemacht!“

Dass ist der Moment, in dem ich der Leiche die Whiskyflasche aus den kalten Fingern reiße (der Strohhalm stört etwas) und nach draußen gehe. Stephan und Saskia warten auf mich.

Wir setzen uns auf die Stufen der Einsegnungshalle und teilen den Schnaps unter uns auf.

„Du hast bestimmt etwas, um den Tag noch schlechter zu machen.“, sage ich zu Stephan.

„Ja. Die Trabbis, die du geerbt hast, sind alle von Matchbox.“

Ich nehme einen großen Zug.

„Aber ich würde gern mal in dem Leichenwagen ficken!“, muntert mich Saskia auf.

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